10. Juni 2010 - 19:30

auf der Lichtbrücke der HfG Karlsruhe

 

In der modernen Konsumgesellschaft existieren von nahezu jedem Produkttyp viele Varianten. Sie bedienen jeweils andere emotionale Bedürfnisse, erzählen andere Geschichten, bieten andere Deutungen. Eine Tätigkeit oder Situation kann durch sie spezifisch erfahren oder auch ritualisiert werden. So macht z.B. eine elektrische Pfeffermühle das Würzen zu einem technoiden Präzisionsakt, während eine aus Holz, die manuell zu bedienen ist, es in einen handwerklichen Akt verwandelt. Mit einem Pfefferstreuer hingegen schüttelt man das Gewürz lediglich über dem Essen aus, als müsse ein Mangel kompensiert werden.

Die Vielfalt an Produktvarianten erlaubt somit eine Vielfalt an Umgangsweisen und Gestaltungen selbst alltäglichster Vorgänge. Diese lassen sich umdeuten, überhöhen, emotionalisieren. Doch handelt es sich dabei nicht nur um den verzweifelten Versuch der Hersteller, sich interessant zu machen und mehr zu versprechen als die Konkurrenz?

Tatsächlich finden es viele Menschen lästig, sich mit einzelnen Varianten beschäftigen zu müssen, um eine Kaufentscheidung treffen zu können. Es fällt ihnen schwer, darin eine Kulturtechnik zu sehen und die Wahl der jeweils richtigen Pfeffermühle genauso als Ausweis von Urteilskraft anzuerkennen wie die Wahl eines bestimmten Buchs. Dabei fühlen sie sich in einem Haushaltswarengeschäft oder Drogeriemarkt nur genauso überfordert wie ein Wenig-Leser in einer Bibliothek.

Wie die Menschen erst zu Lesern erzogen werden mussten, so sind sie heute zu professionellen Konsumenten zu erziehen. Erst dann können sie die Inszenierungen der Produkte beurteilen und unterscheiden, wann billige Emotionen erzeugt werden und wann eine höherwertige Interpretation eines Vorgangs geliefert wird. Statt sich weiterhin mit Trivialitäten abspeisen zu lassen, die bloß aus Ergebnissen der Marktforschung generiert und insofern tautologisch sind, können sie Druck ausüben und bessere Produkte einfordern. So wie die Romane erst anspruchsvoller wurden, als es gebildete Leser gab, werden die Produkte auch erst niveauvoller, wenn sie einzeln einer Kritik unterzogen werden. Denn das Angebot ist nur so schlecht, wie die Konsumenten es zulassen.



AnhangGröße
Ullrich, Wolfgang - Habenwollen - Einleitung.pdf1.86 MB