22. April 2010 - 18:00
im Lichthof der HfG Karlsruhe

Peter Sloterdijk: "Der Steuerzahler als Geber. Zur politischen Ökonomie der Gabe". Vortrag mit anschließender Diskussion
 
Trotz ihrer nominellen Demokratisierung stehen die modernen Gesellschaften in psychosozialer Hinsicht mit einem Bein noch immer im tiefen Mittelalter. Das zeigt sich exemplarisch daran, dass die überwältigende Mehrheit der Bürger, Politiker und Experten das System der zwangsweisen Steuererhebung wie eine Naturnotwendigkeit hinnimmt und dass jeder Versuch seiner Infragestellung als Absurdität inkriminiert oder als Aufforderung zur Steuerflucht missverstanden wird. In Wahrheit ist unser Steuerrecht eine historisch gewordene, demokratisch äußerst schwach legitimierte Praxis, die sich auf die Tradition autoritär-absolutischer „Auflagen“ zurückführen lässt, wobei subkutan auch die sozialistische Idee einer gerechten „Gegenenteignung“ der Vermögenden – nach der Maxime „Privateigentum ist Diebstahl an der Allgemeinheit“ – in seine Begründung mit hineinspielt. Ausbeutung wird jedoch nicht durch Gegenausbeutung oder Zwangscaritas überwunden, sondern allein durch die „Gabe“. Auf lange Sicht wird sich eine Gesellschaft nur dann demokratisch nennen dürfen, wenn sie aus der allgemeinen Gebervergessenheit erwacht und das System ihrer fiskalischen Selbstversorgung von Zwangserhebungen auf freiwillig erbrachte Bürgerspenden für das Gemeinwesen umstellt. Nur eine solche Transformation kann die Routinen der Politik- und Staatsverdrossenheit durchbrechen und den fast schon verlorenen Bürgersinn wiederbeleben. Die dringend nötige Wende zu einer Kultur der Gabe bedeutet eine auf große Zeiträume hin angelegte psychosoziale Umstimmung, deren Bedingungen gleichwohl bereits heute anzugeben sind.

Der Vortag „Der Steuerzahler als Geber. Zur politischen Ökonomie der Gabe“ von Peter Sloterdijk wird am 28. Juni 2010 um 22.03 Uhr in der SWR2-Sendung „Essay“ gesendet und kann danach eine Woche unter www.swr.de nachgehört werden.

Aufnahmen der Veranstaltung: